aha.kunstlabor:4  Maks Dannecker / Monika Radhoff-Troll

heteronomous  

 

Zwischen ästhetischer Sphäre und harter Realität

 

Selten ist in einem Raum mit großzügigem Fenster und offener Tür der Eindruck von Isolation so stark, wie in diesem. Es ist als stünde man in einer Blase. Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil es nur zwei hauchdünne Membranen aus Kunststofffolien sind, die uns umhüllen. Man könnte sie problemlos zerreißen, sie sind lichtdurchlässig und so leicht, dass sie jeden Luftzug in knisternde Bewegung übersetzen. Trotzdem bilden sie eine eigene Sphäre, die sich zwischen die Architektur und den Innenraum schiebt. Eine Art Haut, die sich spannt und entspannt und die in unregelmäßigen Bewegungen zu atmen scheint. Gerade dieses halb Lebendige, das Verletzliche, das Halbtransparente schürt paradoxerweise das Gefühl der Isolation. Wir sehen die Wände, wir sehen die Neonröhren, wir sehen Details der Architektur und das helle Rechteck des Fensters, aber wir haben keinen Zugriff mehr darauf. Die Verschiebung der Optik ins Schemenhafte, der milchige Schleier zwischen uns und der Außenwelt macht die Trennung von ihr letztlich spürbarer, als eine blickdichte Totalverweigerung der Sicht es könnte. In diesem Schwebezustand zwischen einer sehr speziellen, künstlichen Sinneserfahrung und der jederzeit durchscheinenden harten Realität, spielt sich nicht nur die Gesamtheit der Installation ab, sondern auch der künstlerische Prozess innerhalb seiner Einzelteile.

 

Da sind zum einen die Arbeiten von Monika Radhoff-Troll. Drei quadratische Tafeln, die den Rahmen für ein Geflecht aus Kunststofffransen bilden. Das Ausgangsmaterial sind in schmale Streifen geschnittene Plastikbeutel. In langwieriger Arbeit verwebt die Künstlerin die Streifen zu Gebilden, die am ehesten mit textilen Werkstücken vergleichbar sind, mit Teppichen. Der Kontrast zwischen ursprünglicher Materialität und textiler Anmutung ist mit dem Begriff des Zivilisationsteppichs treffend beschrieben. Er assoziiert auf der einen Seite die technisierte, auf Überproduktion angelegte moderne Welt und auf der anderen Seite eine traditionelle handwerkliche Technik. Radhoff-Troll hatte aber noch ein anderes Bild vor Augen, als sie den Begriff des Zivilisationsteppichs für ihre Arbeiten ersann. Es sind jene unvorstellbaren Mengen von Plastikmüll, die von den Strömungskreisen der Weltmeere zu gigantischen schwimmenden Deponien zusammengetragen werden. Inseln aus unauflöslichen Kunststoffpartikeln, die nicht selten Millionen von Tonnen wiegen.

Wenn wir über diese Kunstwerke sprechen, müssen wir also über Abfall reden. Als Abfall bezeichnen wir unbrauchbare Reste, die bei der Herstellung von etwas Brauchbaren anfallen. Oder aber etwas ehemals Brauchbares, das seinen Zweck erfüllt hat und nunmehr unbrauchbar geworden ist. Es liegt nun auf der Hand die Arbeitsweise von Monika-Radhoff-Troll als eine Art Recycling zu beschrieben, während dem sie unbrauchbar gewordenes, ausrangiertes Material einer neuen Funktion zuführt. Ich glaube aber, der Begriff trifft es nicht ganz. Beim Recycling werden aus Gebrauchstoffen neue Gebrauchstoffe gemacht. Die Materialien gehen in einen Zyklus über, in dem sie verbraucht, weggeworfen, aufbereitet, verarbeitet und wieder verbraucht werden. Radhoff-Troll aber entzieht diesem Kreislauf die Materialien, in dem sie keine Verbrauchsgegenstände aus ihnen macht, sondern Kunstwerke. Dadurch, dass sie nicht zu Gebrauchsartikeln recycelt werden, können sie auch niemals aufgebraucht werden. Sie sind für alle Zeit der Verwertungskette von Wegwerfartikeln entzogen. Durch die handwerkliche Bearbeitung werden sie der Sphäre des rein Ästhetischen zugeführt, deren einzige Bestimmung das, wie Kant es nennt, „interesselose Wohlgefallen“ ist.

 

Es sind Objekte von verführerischer Schönheit, voll von nuancierten Farbwerten und flirrenden Lichtreflexen. Sie erzeugen optische tiefe und einen unbedingten haptischen Impuls. Sie scheinen sich mit jedem Windhauch zu beleben und variieren ihre visuelle Erscheinung mit der Perspektive von der aus man sie betrachtet. Sie bewegen sich in eben dem Spannungsfeld, von dem ich anfangs sprach: eine spezielle sinnlichen Erfahrung einerseits und die jederzeit durchscheinenden Härte der Realität andererseits, denn bei näherer Betrachtung offenbart sich das ursprüngliche Material noch immer als der bunt bedruckter Wegwerfartikel, der er vor seiner kunstvollen Befreiung aus dem Recyclingkreislauf einmal war.

 

Auch die Arbeiten von Maks Dannecker gehen von der harten Realität aus, um dann Schritt für Schritt die ästhetischen Qualitäten ihrer Quellen zu offenbaren. Die Leinwandarbeit auf der linken Seite setzt sich aus zwei Fotografien zusammen. Die eine zeigt eine Gruppe von Gebäuden unter bleigrauem Himmel. Sie scheinen sich in eine schwarze Zone, eine verwunschene Vegetation hinein zu ducken. Im farbigen Kontrast dazu schiebt sich vom unteren Rand her eine vielfach spiegelnde Fläche nuancierter Blautöne in das Bild, die wie ein eisiger See vor der dunklen Zone zum Liegen kommt. Die Montage ist digital bearbeitet, Bewegungsunschärfen ziehen Schlieren über die Leinwand, die man für Pinselspuren halten könnte. Das Auge nimmt die starke horizontale Organisation der Bildfläche als Angebot wahr, sie als Komposition malerischer Farbfelder zu lesen. Bald wirken die Gebäude wie Störer oder Anker, die das Dargestellte an die Realität binden und davon abhalten, vollends in die Höhen der Abstraktion aufzusteigen.

 

Auf den rechten Bildtafeln gibt es keine Anker mehr. Sie zeigen pure Farbe. Dannecker ließ sich von einer App Vorschläge für besonders prägnante Farbwerte innerhalb der Fotoarbeit machen, von denen sie zwei auswählte. Die fest mit Plexiglas verschmolzenen Abzüge sind rein visuelle Ereignisse, auf denen der Blick wie über Eisflächen gleitet. Welche Bedeutung hat es, dass es sich immer noch um Fotografien handelt? Es sind Detailaufnahmen der linken Bildtafel, doch haben sie sich nicht längst vom fotografischen Motiv losgelöst um in ein ästhetisches Objekt mit eigenem Wirklichkeitsanspruch überzugehen? Auch sie vollziehen einen Akt der Befreiung. So wie sich bei Monika-Radhoff-Troll die Kunststoffstreifen von den Gebrauchsartikeln gelöst haben, emanzipieren sich bei Maks Dannecker die Farbwerte vom Naturvorbild. Für ihre Installation haben die beiden Künstlerinnen einen autonomen Erfahrungsraum geschaffen. Er bietet uns Betrachtern einen ästhetischen Rückzugsort. Und hier liegt das letzte große Paradoxon dieser Gemeinschaftsarbeit: Eben diese Abgeschlossenheit des Ortes birgt einen erhöhten Grad von Freiheit. Eine wertvollere Erfahrung ist mit Hilfe von Kunststofftüten wahrscheinlich nie ermöglicht worden.

 

Benjamin Dodenhoff

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